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Eine Gruppe von Rentnern im Seniorenzentrum des Viertels Hongdae diskutiert wild über die jüngste Entwicklung der Kohlkopfpreise, während draußen vor der Tür betont finster dreinblickende Punker ihre neuesten Nietenklamotten zur Schau stellen. Direkt daneben trommeln rastalockige Kunststudenten auf ihren Bongos und werden von gestriegelten Geschäftsleuten angefeuert, die nach Dienstschluss ein wenig an deren Ausgelassenheit teilhaben möchten. Und es wäre nicht Hongdae, wenn die Rentner den Punks nicht noch ein Reisröllchen mit auf den Weg geben würden, weil sie ihre Zigarettenkippen ordentlich weggeschmissen haben.

Hongdae ist Seouls kreativstes Viertel und Seoul ein Meer aus Eindrücken, Farben, Düften und Tönen. Dabei bietet die Stadt ahre Oasen der Ruhe, wie sie so gar nicht in das Bild einer Metropole mit 11 Millionen Einwohnern passen mögen. Als hätten die Stadtplaner des Joseon-Reichs (1392– 1910) gewusst, dass sich ihre auf dem Reißbrett geplante Hauptstadt in den nächsten 600 Jahren zu einer der angesagtesten Weltmetropolen überhaupt entwickeln würde, legten sie die Kapitale zwischen eine Reihe von Bergen und an den mächtigen Fluss Hangang. Was damals der Dynastie Glück bringen sollte, ist heute ein echtes Glück für die Bewohner der Stadt, denn trotz des wuseligen Betonchaos sind Erholung und Ruhe nie fern: Von keinem Punkt der Stadt muss man länger als 20 Minuten fahren, um zu einem Fluss oder Berg zu kommen und dort Ents pannung zu finden.

Bewegt man sich doch einmal aus der Stadt heraus – was viele Besucher wegen der unzähligen Attraktionen leider gar nicht schaffen – scheint sich das Leben insgesamt zu entschleunigen. Ruhige Dorfszenen, beschauliche Täler, ab und an fliegt ein Kranich über die saftig grünen Reisfelder. Das Hektischste, was man sieht, ist vielleicht ein Streifenhörnchen, das in einem der vielen Nationalparks über den Weg huscht. Hier sieht Korea oft noch aus wie in einem leicht kitschigen Pros pekt; doch nirgends braucht man auf Internet und den Morgenkaffee zu verzichten. Selbst im abgelegensten Tal sieht man Wandermönche ihr Smartphone zücken und die aktuellen News checken.

Ruhe und Natur werden in Korea hochgeschätzt, aber immer nur für kurze Zeit, bevor man sich wieder ins volle Leben stürzt. Nicht von ungefähr wird gescherzt, Korea sei das größte 24-Stunden-Kaufhaus der Welt, und standhaft hält sich die augenzwinkernde Legende, dass wenn man in einer der vielen unterirdischen Einkaufspassagen Seouls falsch abbiegt, man direkt am anderen Ende des Landes in Busan landet.
 
Geschlafen wird später
Korea ist einfach ein Land, das seinen eigenen Rhythmus hat. Während in Seoul um 5 Uhr morgens der alte Tag weder in den Clubs von Hongdae noch auf dem Nachtmarkt von Dongdaemun zu Ende gehen will, beginnt in den zahlreichen Tempeln
des Landes bereits der neue Tag mit andächtigem Gesang. Zur gleichen Zeit führen die Schamanen am Berg Inwangsan die ersten Rituale durch, trottet eine müde, schweigende Schlange aus Touristen die Stufen am Sonnenaufgangsfelsen der Insel Jeju hoch, um auf diesem wunderbaren Fels plateau die Sonne über dem Pazifik aufgehen zu sehen, während die Tintenfischerboote an der Ostküste in die malerischen kleinen Häfen zurückkehren, um ihren Fang auszuladen.
 
Korea ist hip
Das Land der Morgenstille ist im wahrsten Sinne des Wortes hellwach, und in vielen Teilen der Welt hat man das längst mitbekommen. Während wir in deutschs prachigen Ländern Fernseher, Computer, Handys und Autos aus Korea benutzen, oft ohne das überhaupt zu bemerken, ist in vielen anderen Ländern auch das Fernsehprogramm »made in Korea«, denn Koreas Popkultur ist hip.

Diese wandelbare, dynamische Kraft Koreas speist sich aus der Neugier und Offenheit seiner Menschen. Da kann man zum Beispiel auf dem Land staunend an einer hochtechnisierten Bushaltestelle stehen und versuchen, die nächste Abfahrtszeit herauszufinden. Ein Großvater, der wahrscheinlich noch hungernd und frierend den Koreakrieg überstehen musste, mustert den grübelnden Westler belustigt und sagt schließlich mit einer lässigen Geste Richtung Bildschirm: »You not know touchscreen? Very easy, I help you!«